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Frank Dietze

last update:
31-12-02

Aikido und Selbstverteidigung

    Eine Kampfkunst muss sich, abseits eines moralisch-philosophischen Überbaus, logischerweise an ihrer Tauglichkeit messen lassen, im unvermeidbaren Konfliktfall, einen Angreifer abwehren und unschädlich machen zu können.
Zwar wäre es eindimensional Aikido auf diesen Aspekt zu reduzieren, andererseits kann in diesem Punkt meines Erachtens jedoch keine pseudo-pazifistische Ausrede gelten!

    Auch Anhänger anderer Kampfkünste sind häufig beeindruckt von der Eleganz, mit der Aikido-Vorführungen dargebracht werden. Aber gerade diese vermeintliche Leichtigkeit und Mühelosigkeit, mit der der Vorführende seine Partner herumwirbelt - sie beispielsweise so wirft, daß der Fallende den nächsten Angreifer behindert - sind oft Anlass, an der Ernstfalltauglichkeit des Aikido zu Zweifeln.
    Ein anderes, genauso falsches Bild des Aikido generiert dagegen ein Steven Seagal (US Actiondarsteller) - immerhin Träger des 7. Dan (Meistergrades) - wenn er in seinen Hollywood-Streifen die bösen Jungs schwer in die Mangel nimmt.
    Wahres Aikido ist defensiv! Nicht Gegnerschaft, sondern ihre Aufhebung ist das Ziel. Die Urformen dieser Techniken waren tödlich - auf den Schlachtfeldern der Samurai gab es keine zweite Chance -, wurden aber von O Sensei Morihei Ueshiba so genial weiterentwickelt, daß von einer
Vernichtung des Gegners Abstand genommen wird. Dem Angriff selbst soll wirksam begegnet werden, nicht der Person des Angreifers. Die Anliegen des Aikido sind Harmonie und Bewahrung von Leben. Es gibt weder Konkurrenzdenken noch Wettkämpfe.

    Ob dieses Aikido auch im Ernstfall, wenn der Angreifer vielleicht nicht so gehorsam abrollt, wenn der Angegriffene nicht weiss, wie der Angriff erfolgt, wirksam ist?
Ist denn ein effektives trainieren von Selbstverteidigungsszenarien überhaupt möglich, wenn der Wettkampf - sozusagen als reglementierte Simulation des Ernstfalls angesehen - abgelehnt wird?
    Diese Fragen werden vor allem häufig von Personen verneint, die, oft bereits eine andere Kampfkunst trainierend, sich eine kurze Zeit im Aikido umgesehen haben und dabei feststellten, daß die Techniken die sie da wieder und wieder üben mussten, bei einiger Gegenwehr des Partners nicht mehr funktionierten.

Auch sind diese "Gastschüler" schnell enttäuscht, wenn sie feststellen, wie sie, trotz ihrer "Vorbildung", genau mit denselben Bewegungsproblemen hadern, wie die echten Anfänger. Sie verkennen dabei, daß Aikido keine Instant-Kampfkunst ist - mit Budowasser aufgiessen, umrühren, und fertig ist der unbesiegbare Kämpfer. Übrigens ein Anspruch, den keine Kampfkunst der Welt erfüllen kann!
    Man betrachte nur einmal die nebenstehende Sequenz kote gaeshi und stelle sich vor, wie, bei einem im Fallen weniger geübten Angreifer, auf Strassenpflaster, der ärztliche Befund lauten würde.
Um eine Technik gegen einen massiven Angriff trainieren zu können müssen die Partner auch das technische Niveau haben um beispielsweise einen freien Fall auf die Matte unbeschadet zu überstehen, oder dem schmerzenden Hebel im richtigen Moment nachzugeben - abzuklopfen - und nicht, durch
trotzigen Einsatz von Muskelkraft, schlimme Verletzungen zu provozieren. Diese Fertigkeit erreicht man eben erst nach längerem, intensiven Üben. Und, jeder wirkliche Kenner einer x-beliebigen anderen Kampfkunst wird für seine Kunst dieselbe Aussage treffen!

    Der Lernprozess des Aikido wird gerne verglichen mit dem Erlernen des Schreibens:

"Zuerst krampfen sich die Hände noch um den ungewohnten Stift. Wenn der Schüler versucht, die vom Lehrer mit Schwung und Eleganz vorgegebenen Linien nachzuziehen, sind die Ergebnisse vorerst einmal recht dürftig und nur langsam kann sich der Schüler von den Beschränkungen seines Körpers und seines Geistes lösen. Schließlich wird er, nach langem und zähen Üben lernen, flüssig zu schreiben und wird vielleicht auch zu einer schönen Handschrift gelangen."  [1]

    Der letzte Satz des Zitates meint, auf das Aikido übertragen, dass der fortgeschrittene Akidoka sich von vorgegebenen Techniken freimacht und eine der jeweiligen Situation angemessene, spontane Reaktion fliessen lässt, in der sich die, durch langes Üben verinnerlichten Prinzipien wiederfinden - quasi eine Nicht-Technik.
    Aikido ist genauso gut - und genauso limitiert - wie jede andere Kampfkunst geeignet zur Selbstverteidigung. Es kann zu schweren, ja tödlichen Verletzungen des Angreifers führen,

aber durch seine technische Anlage ist eine Verhältnismässigkeit der Mittel - ein in diesem Kontext mitunter wichtiger juristischer Aspekt - zum Angriff jederzeit gewährleistet. Wer "geheime Wundertechniken" sucht, wie sie Kino oder Fernsehen mitunter vorgaukeln, wird am Aikido jedoch nicht lange Freude haben.



[1] Jörg Bernsdorf, Aikido-Dojo ShoShin, Nürnberg